Samstag, 17.11.2018 14:03 Uhr

Münchner Medientage 2018 - "Shaping Media Tech Society"

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 08.11.2018, 14:27 Uhr
Kommentar: +++ Internet und Technik +++ Bericht 3000x gelesen
Der Medien-Saloon des Mediencampus Bayern
Der Medien-Saloon des Mediencampus Bayern  Bild: G. Bachleitner

München [ENA] Zum 32ten Male veranstaltet, präsentierte sich der große Münchner Medienkongreß in neuem Umfeld und erneuerter Konzeption. Ziel war dabei, den Kongreß und die begleitende Ausstellung besser zu verzahnen, und dies ist tatsächlich gelungen. *

Möglich wurde dies durch die Verlegung des Veranstaltungsortes an das andere Ende des Messegeländes, wo man eine Halle und das sog. Conference Center Nord (das eigentlich Ost heißen sollte) bespielte. Die neue Anordnung erreichte im ersten Anlauf schon gute Ergebnisse. Nur die Saalverteilung ist weniger günstig als im westlichen Kongreßzentrum, und der Mangel an mittelgroßen Sälen führte beispielsweise dazu, daß viele Interessenten von der Bewegtbild-2030-Präsentation Deloittes ausgeschlossen wurden.

Das neue Konzept

Überrascht wurde man von einem originellen Beiprogramm. Sportlich Interessierten (und Befähigten) wurde unter dem Titel "Hike&Bike" eine Mountain-Bike-Tour im Voralpenland angeboten, Kunstliebhaber durften sich in der Hypo-Kunsthalle in München eine Übersicht zur künstlerischen Illusionserzeugung von altägyptischer Zeit bis zu den neuesten VR-Installationen zeigen und erklären lassen - also thematisch genau zu den Medientagen passend.

In deutscher kunstgeschichtlicher Perspektive wurde dieser Illusionsauftrag der Kunst "Lust der Täuschung" genannt, also mit dem Hauch des Illegitimen umgeben, während eine thematisch ganz ähnliche Ausstellung, die kurz zuvor im Metropolitan Museum stattgefunden hatte, "Like Live" hieß und die Lebensechtheit feierte. Auch an dieser Stelle konnte man schon die Mentalitätsunterschiede zwischen dem alten und dem neuen Kontinent erkennen, die gerade beim Hauptthema dieser Medientage, der Künstlichen Intelligenz, strategisch entscheidend sind.

KI oder AI?

Dieses Hauptthema war in einem eigenen Raum namens AI Pavilion gebündelt. Notabene ergoß sich auch ein Schwall neuer Anglizismen über die neu konzipierten Medientage. Zielstrebig wurde die seit langem eingeführte Abkürzung KI durch AI ersetzt, Referenten hießen nun plötzlich "Speaker", aus dem Publikumsabend mit freiem Eintritt (bei rechtzeitiger Buchung) wurde eine "Expo-Party", es gab eine "Immersive Stage", auf der dann auch ein "Media Women Connect" stattfand.

Neugründungen wurden bei "Rockets&Unicorns" gefeiert, Wesenheiten, von deren realen Dimensionen im amerikanischen Markt man hierzulande natürlich nur träumen kann. Man traf sich zu einem "Strategy Day" und einem "Founders Day", das Kamingespräch mutierte zum "Fireside Chat", journalistische Selbstvergewisserung wurde auf dem "Journalism Summit" gesucht, Nachwuchs in der "Recruiting Area" usw. Transatlantisch war auch der Mediencampus orientiert, der eine Western-Stadt aufgebaut und als Mediensaloon deklariert hatte - Bullenreiten inklusive.

KI - Ein Forschungsgebiet geht in den Markt

Bezeichnend für die europäisch-amerikanischen Mentalitätsunterschiede fielen auch die Exponate im "AI Pavilion" aus: ein mit Leistung und motorischer Wucht vollgestopfter Tesla X und ein von hiesigen TU-Studenten zusammengebastelter robotischer Rikscha-Fahrer namens Roboy, der derzeit aber noch nicht auf die Pedale treten und lenken kann und aus Gründen der Lizenzkostenersparnis mit einer weiblichen (englischen) Stimme vorlieb nehmen muß.

Vielleicht bedarf es mehr natürlicher Intelligenz, um Roboy zu straßentauglicher Künstlicher Intelligenz zu verhelfen, doch für den automobilen Weltmarkt wird natürlich Tesla um viele Größenordnungen wichtiger sein, unbeschadet von E. Musks etwas eigenwilliger Einschätzung der KI, von der sein Produkt doch ganz entscheidend abhängen wird. * *

Daß KI geradezu zu einem Modethema geworden ist, haben sicherlich die Marketing-Leute verschuldet, die daraus eine Zukunfts- und Fortschrittsverheißung machen. Daran mit einschlägigen und wohlfeilen Beispielen anzuknüpfen scheute sich Dr. Miriam Meckel, Wirtschaftswoche, nicht: etwa in der medizinischen Diagnostik und Rehabilitation - wozu auch gehörte, der Facebook-Ankündigung, Hirnströme abgreifen zu wollen ("Gedankenlesen"), wohlwollend eine humanitäre, individuellen Nutzen mehrende Absicht zu unterstellen.

Daß die Identifikation eines bestimmten neurologischen Faktors für Depressionentstehung (bei Mäusen) durch den japanischen Nobelpreisträger S. Tonegawa zu der möglichen therapeutischen Schlußfolgerung führt, soziale Beziehungen wären unter diesen Umständen durch bestimmte technische Maßnahmen substituierbar, paßt perfekt in das Geschäftsmodell eines digitalen "sozialen" Netzwerkes. Ebenso jenes Experiment, bei dem es gelang, Gelerntes auf elektrischem Wege von einer Ratte auf eine andere zu übertragen. Schon Meckels Vortragstitel "Wie wir unser Denken ans Internet anschließen" klang wie eine der zahlreichen vollmundigen und zugleich befremdlichen Verheißungen aus Kalifornien.

Der Titel hätte auch lauten können: wie wir unser Denken an Firmen abgeben. In der anschließenden Diskussion wurden jedenfalls weitere Beispiele genannt, wie die Fremdbestimmung des Nutzers sogleich als Fortschritt erscheint, sobald man ihn nur aus der richtigen Perspektive (der Fremdbestimmer) betrachtet. Dr. A. Henschel, Goetzpartners, pries den Einsatz von KI für eine "verbesserte Kundenbindung" und erklärte u.a. den disruptiven Erfolg von Netflix damit. Durch Aggregation personenbezogener Daten werde "dynamisches Mikrotargeting" möglich. Und Spotify werde sich durch die Abspiellisten und "mood recognition" zu einem personalisierten Radio entwickeln.

An den Stellungnahmen von Hans-Christian Boos, Gründer der KI-Firma Arago, gefielen hingegen das realistische Menschenbild und die erfrischend direkte Kritik an offensichtlichen Fehlentwicklungen. Zurecht beklagte er die hierzulande fehlende Risiko- und Veränderungsbereitschaft und hielt den deutschen Perfektionismus für kontraproduktiv in der KI. Es reiche, wenn ein KI-System besser als der Mensch bei der jeweiligen Aufgabe sei. Unfehlbarkeit solle nicht verlangt werden. Die Anwendung auf die Frage der Sicherheit beim derzeit heiß diskutierten Autonomen Fahren fällt aber vielen Leuten und auch dem Gesetzgeber schwer. Überhaupt, der Gesetzgeber: die EU-Datenschutzgrundverordnung nannte Boos treffend ein "Gesetz aus Rache".

Man darf ergänzen: aus Rache an den kommerziell-global so viel erfolgreicheren Amerikanern und abstrakt sogar aus Rache an der allgegenwärtigen und so unaufhaltsamen Digitalisierung. Boos beklagte einerseits die Kurzschlüssigkeit mancher Big-Data-Algorithmen, betonte aber auch, daß der Mensch in seinem Verhalten viel vorhersagbarer sei, als ihm seine Selbsteinschätzung als aufgeklärtes Individuum mit freiem Willen suggeriere. Oft genügten tatsächlich die von einem Big-Data-Algorithmus beigebrachten Metadaten, um die gewünschten kommerziellen oder politischen Vorhersagen treffen zu können.

Auch Gefühle sind meßbar

Dafür lieferte dann ein anderer Vortragsblock weitere Beispiele. Dr. M. Bartl vom KI-Unternehmen Tawny skizzierte "The rise of Emotion AI". Damit ist aber nicht etwa gemeint, daß ein KI-System zusätzlich mit emotionaler Intelligenz ausgestattet wird, damit die Mensch-Maschine-Kommunikation humaner wird. Ganz im Gegenteil werden menschliche Reaktionen und Emotionen so quantifiziert und algorithmisch aufbereitet, daß andere Menschen hinter der KI damit perfekte Steuerungsinstrumente in die Hand bekommen.

Bartl berichtete von Messungen an Biathlon-Wettkämpfern, deren Vermessung die Vorhersage ihres Wettkampferfolges erlaubt. Ebenso ließen sich die Erfolge von Callcenteragenten (man ergänze: bei der Abwimmelung von Beschwerden oder Gewinnung von Kunden) biometrisch vorhersagen. Vorhersagemöglichkeit bedeutet selbstverständlich auch Verschärfung des Konkurrenzdrucks und der Selektion.

"Mensch und Maschine - wer programmiert wen?"

Am letzten Kongreßtag faßte dann der bekannte Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, WDR, das Schlachtfeld nochmals ins Auge: "Mensch und Maschine - wer programmiert wen?" Schon sein Einstieg mit einem der beliebten Leistungsvergleiche, die üblicherweise erreichten Fortschritt beweisen sollen, konnte zum Nachdenken anregen. Die Leistung eines Rechenzentrums von 1983 ist äquivalent in einem heutigen Smartphone verbaut. Daran müßte sich die Frage anschließen: und warum machen wir so lächerlich wenig sinnvollen Gebrauch davon? Oder anders gefragt: warum (ver)brauchen wir so unglaublich viel Leistung für so banalen Plunder?

Yogeshwar ließ keinen Zweifel, daß das einst ausgerufene Informationszeitalter sich gerade in eine Desinformationsgesellschaft verwandelt. Man müsse von einem Übergang in eine Post-Textgesellschaft (oder einem Rückfall in eine Prä-Gutenberg-Zeit) sprechen. Jedenfalls untergrüben soziale Netzwerke wie etwa Fakebook - pardon: Facebook - aufgrund der Orientierung an Profitinteressen und der fahrlässigen Duldung von Falschmeldungen den sozialen Diskurs. Allerdings mutete Yogeshwars Plädoyer für eine Wir-Gesellschaft auch recht naiv an. Dies ist keine Sache von Technikkritik mehr, sondern würde eine globale Humanisierung des Wirtschaftssystems erfordern, die erkennbar utopisch ist.

Individuell unterschiedlich mögen Empfindlichkeiten gegenüber den Angriffen der Datenräuber ausfallen. Daß ein digitales Buch auch den Leser liest, womöglich bis zur Erfassung der Augenbewegungen, wäre sicherlich ein böser Übergriff - auch wenn dabei nebenher noch eine vielleicht medizinisch nützliche Augendiagnostik betrieben werden könnte. Aber die Reaktion darauf muß natürlich sein, keine Bücher mit Fernsteuerung zu benutzen. Daß sich heute schon und demnächst immer mehr Menschen durch einen Chatbot am Telefon täuschen lassen, wie kürzlich von Google vorgeführt, rechtfertigt noch kein Verbot oder eine Kennzeichnungspflicht, sondern könnte auch als erfolgreich bestandener Turing-Test gewertet werden.

Prädiktion (von Verhaltensweisen durch Big-Data und KI) gehe gegen die persönliche Integrität des Menschen, meinte Yogeshwar. Hier könnte man auch liberaler, anthropologisch offener argumentieren. Was richtig prädiziert wird, ist auch zu Recht prädiziert, und das müßte die Person gewissermaßen als Terrain vermeintlich freier Entscheidung aufgeben. Doch prädiziert heißt nicht präjudiziert. Aus der Prädiktion dürfen keine Schlüsse gezogen werden, die dem individuellen Verhalten vorgreifen.

Fazit

So waren die Medientage dicht an den Themen und Konfliktfeldern, die aus dem digitalen Umbau der Gesellschaft derzeit erwachsen und immer wieder aufs Neue aus den verschiedensten Perspektiven besichtigt werden müssen. Kluge Köpfe dafür gibt es allemal - und kluge Zuhörer sicherlich auch. Man möchte hoffen, daß die auf der politischen Ebene oft wahrnehmbare digitale Ignoranz von der jungen Generation und zumal den Firmengründern ignoriert wird.

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